Das weisse Gold des Vinschgau

>>Hic sub ista lapide marmorea qvem Vector ver in lvster preses ordinabit venire de Venostes hic reqviescit dominus.<<
„Hier unter diesem Marmorstein, den der angesehene Graf Victor aus dem Vinschgau kommen ließ, ruht dieser Herr.“

Grabstein eines Unbekannten, den der Churer Bischof Viktor III 720 n. Chr. Aus dem Vinschgau bestellte

Kenner nennen ihn das „weiße Gold“ des Vinschgau. Er ziert Denkmäler und Bauwerke in New York, Rom und London, in Wien und Rom, in München und Berlin. Doch was den weißen Marmor aus Laas, rund 40 Kilometer westlich von Meran inkognito bekannt werden lies, sind keine Büsten, keine Statuen und keine Altare. Was das US-amerikanische Militär Ende der 1940er bei dem 1928 gegründeten Unternehmen Lasa Marmo in Stückzahlen von über 80.000 bestellte, wurde auf den grünen Soldatenfriedhöfen eingesetzt und erinnert noch heute an die Gefallenen US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg: das typische weiße Marmor-Grabkreuz.
Von all dem weiß Oscar noch nichts, als er 1950 in einem Zug nach Meran sitzt. Auf Einladung eines Herren aus Laas im Vinschgau fahren er und rund 20 weitere Arbeitssuchende aus der Gegend um Verona gen Norden. Als Arbeiter im Marmor-Abbau werden sie sich verdingen. Eine anstrengende Arbeit. Doch Oscar hat Glück. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Arbeitern – nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind es über 500 – ist er gelernter Marmorpolierer. So kommt er in die Endfertigung, die nicht ganz so kräftezehrend ist wie der Abbau selbst.
Das Geschäft mit den Kreuzen ist einträglich. Zunächst. Doch schon bald zeigt sich, dass die Finanzfachleute – verantwortlich für die Erstellung der Angebote an American Battle Monument Commission – ohne Unterstützung der Marmorexperten kalkuliert hatten. Sowohl die Kostenvoranschläge als auch die Produkte weisen Haken auf. Erstere sind zu knapp kalkuliert und Letztere zeigen ab und an farbliche Einschlüsse. Grund genug für die amerikanischen Auftraggeber, jedes nicht lupenrein weiße Kreuz sofort zurückzuweisen.
Und so geht die Arbeit mit den Kreuzen und mit dem Tod sinnbildlich einher mit der Arbeit am Rande des wirtschaftlichen Konkurses. So staubig und eintönig das Produzieren der weißen Symbole, so öde und grau zeigt sich das Leben in Laas. Eine Billiard-Kneipe im nächsten Ort und gelegentliche Feste in Meran, mehr Abwechslung haben Oscar und seine Kollegen nicht. Bis eines Tages die schöne Guilia auf Besuch in die Lasa Marmo kommt. Sie ist die Tochter von Tommaso, dem Finanzdirektor der Lasa. Und der verfolgt ganz eigene Pläne mit den Arbeitern und der „Fabrik des weißen Goldes“...

 
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