Ein Dorf ertrinkt

Graun im Vinschgau. Kurz nach dem Reschenpass weist ein stummer Zeuge noch heute auf eine Tragödie hin, die bereits in den 1920er Jahren ihren Anfang nahm. Jeder Passant blickt schaudernd hinüber auf den Kirchturm von St. Peter, der einsam aus dem Wasser des Reschenstausees hervorragt. Ein Projekt, das ein ganzes Dorf, die Heimat und das Seelenheil vieler Südtiroler auf Generationen zerstört hat.

Bereits 1920 erteilt die italienische Regierung die Genehmigung, den Spiegel des Reschensees um 5m anzuheben – ungefährlich für die Orte Reschen und Graun. Doch schon bald übernimmt ein Konzern diese Konzession. Und die Pläne der Manager lassen die Bürger am Reschen erschauern: Um 22m soll der Seespiegel steigen. Das hätte den sprichwörtlichen Untergang von Graun zur Folge. Mit einer perfiden Täuschung erreicht man, dass die Einwohner keinen Einspruch erheben – und Rom ermächtigt den Konzern gesetzeswidrig zum Baubeginn. Doch mit der Besetzung Norditaliens durch die Deutschen gerät der Plan ins Stocken. Schon glauben die Einheimischen, das Projekt falle den Wirren der Zweiten Weltkrieges zum Opfer. Doch 1950 ertränkt der Konzern die Hoffnungen der Grauner Familien im wahren Wortsinne. Trotz internationaler Proteste, trotz wissenschaftlicher Gutachten und Einsprüchen auf ministerialer Ebene, ja trotz einer Audienz beim Papst selbst, die der mutige Dorfpfarrer Alfred Rieper erwirkte. Am 16. Juli um acht Uhr abends läuten die Glocken im St. Peter-Turm zu Graun ein letztes Mal. Drei Tage später tragen die Grauner ihre alte Glocke aus dem Jahre 1505 die Stufen des Turms hinunter. Am 23. Juli, einem Sonntag, versucht man die Sprengung der Kirche. Sie gelingt nur teilweise. Wie ein Bergfried, stumm und unbewohnt, mahnt Ihr Turm noch heute.

 
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