Von Kuren mit Schatten

Einsam ist es im Ultental, einsam – und doch sehr elitär. Während der Jugendstilzeit laben sich Thomas und Heinrich Mann beim Kuren in der Villa von Hartungen des gleichnamigen Arztes. Franz Kafka genießt die Abgeschiedenheit zwischen Meran und Ortler ebenso wie Christian Morgenstern und Rudolf Steiner. Die Hautevolee im Hochgebirge. Und im Nachhinein betrachtet, werden die ersten Spuren zu dieser Entwicklung schon gut ein halbes Jahrhundert früher gelegt.

Otto von Bismarck ist gerade 25 Jahre alt, als er zum ersten Mal nach Mitterbad im Ultental kommt. Dort erfreut er sich nicht nur an den arsen-, eisen- und phosphorhaltigen Bädern, sondern auch an der schönen Josepha. Sie ist die Tochter eines Joseph Holzner, Betreiber des Mitterbades und Verhinderer einer deutsch-südtiroler Lebensliebe. Denn als frommer Katholik verwehrt er dem künftigen Reichskanzler die Hand seiner Tochter. Schließlich ist jener Protestant. Eine Entscheidung, so klar wie das Ultentaler Wasser. Doch entgegen Vaters Willen und trotz der Ehen, die Josepha und Otto später eingehen, bleiben sie einander offenbar ein Leben lang verbunden. Nur so sind die Reisen der Südtirolerin nach Berlin zu erklären, die stets auf kleine Lücken im sonst so vollen Terminkalender von Bismarcks zielen. Früh, bereits mit 38 Jahren stirbt Josepha in Salzburg. Und die frische Erde schmückt an jenen Tagen ein Kranz mit roten Rosen und dem Band: "Meiner unvergessenen Josepha. O. v. B."

 
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